Zeitzeugenseminar in Frankreich, Oradour sur Glane, 21. – 24. Oktober 2004  
Teilnehmer aus Nürnberg, Wien und Limoges Barbara Dmytrasz berichtet über die österreichische Situation Die österreichischen Teilnehmer

Geschichte – kulturelles Gedächtnis und Erinnerung sowie deren Vermittlung am Beispiel des Zweiten Weltkrieges. Trinationale Projektentwicklung im schulischen Bereich

Oradour sur Glane, 21. – 24. Oktober 2004


Der Ort Oradour sur Glane im Bezirk Haute-Vienne im Limousin (im Zentrum Frankreichs), der dieses Seminar beherbergte, wurde nicht zufällig ausgewählt.

Der kleine, friedliche Ort im abgelegenen Limousin, der bis zum verhängnisvollen Tag am 10. Juni 1944 vom Krieg völlig verschont geblieben war, wurde eben an diesem Tag Schauplatz eines Massakers durch eine Einheit der SS-Division „Das Reich“. 642 Kinder, Frauen und Männer wurden erschossen und bei lebendigem Leibe verbrannt. Das in Oradour sur Glane errichtete Centre de la Mémoire erlaubt es durch die Ausstellungsräume – von der Ausbreitung des Nazismus in Europa bis zum Prozeß in Bordeaux – die historischen Fakten und den Beispielcharakter von Oradour besser zu verstehen. Dokumentationsarchive, Zeugenberichte – wie der von Mr. Robert HEBRAS, der als 19 Jähriger das Massaker überlebte, da er unter den Leibern seiner Kameraden begraben lag und sich aus dem Feuerninferno noch retten konnte, Diavorträge und Filme erläutern die Ereignisse, die sich in Oradour zugetragen haben.

Das Ziel des Seminars, das Geschichts- und Sprachlehrer aus Frankreich, Deutschland und Österreich zusammenbrachte, war es, Arbeitsmethoden für die Vermittlung des zweiten Weltkrieges zu vergleichen und eine Gedenkstätte im Rahmen von bilateralen oder trilateralen Zusammentreffen im schulischen Bereich zu erfassen. Aus Österreich nahmen unter der Leitung von Frau Mag. Barbara Dmytrasz, Leiterin der ARGE Wien, sowie von Frau Mag. Dr. Charlotte Müller, insgesamt 6 LehrerInnen teil.

Zusätzlich haben auch Historiker und Historikerinnen aus den drei Ländern mitgewirkt, indem sie in ausführlichen Vorträgen ein Bild der historiographischen Entwicklung über den Zweiten Weltkrieg in ihren jeweiligen Land lieferten (Olivier Wieviorka/Frankreich, Regine Robin/Frankreich-Quebec, Univ. Prof. Dr. Hans Möller, Dir. des Instituts für Zeitgeschichte München sowie Herwig Czech, von dem DÖW (Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes).

Ein zweites Beispiel für einen konstruktiven Umgang mit Geschichte im Falle von Greueltaten, die während des 2. Weltkrieges verübt worden waren, stellt das Projekt Maison d’Izieu dar, koordiniert von M-me Geneviève Erramuzpé. Es war ein Internierungslager für Kinder, wo man sich, wieder einmal fälschlicherweise, in Sicherheit fühlte. Am 6 April 1944 erschossen die Deutschen 44 Kinder im Alter zwischen 4.5 und 7 Jahre.

Der pädagogische Wert dieses Projektes liegt, seiner Koordinatorin nach, in der regen Teilnahme von Schülern und Studenten an der Rekonstruktion der Geschichte.

Regine Robin warnte indes auch vor den Gefahren eines übersättigten Gedächtnisses. Man soll auf jeden Fall auch die verschiedenen Interessen und Zusammenhänge bei der Konstruktion von Gedächtnis und Erinnerung beachten.

Im Anschluss daran wurde in kleinen gemischten Gruppen über die Möglichkeiten von Austauschprojekten zwischen Lehrern und Schülern gesprochen und beraten.
Zunächst wurde die Abhaltung eines Anschlusstreffens der Lehrer in Nürnberg für den Herbst 2005 beschlossen. Wien sollte dann in dem darauffolgenden Jahr der nächste Austragungsort eines trinationlen Treffens, das immer festere Konturen annehmen soll, sein. Die teilnehmenden LehrerInnen sollen dann als Multiplikatoren das Erfahrene weitergeben und Projekte mit Schülern auf die Beine stellen. Erste Kontakte wurden geknüpft und weitere Schritte warten darauf, gesetzt zu werden.

Das Projekt wurde vom Centre de la mémoire d’Oradour, der Französischen Botschaft in Wien, dem Lycée Francais de Vienne, dem DFJW und dem Bezirk Mittelfranken in Deutschland getragen. Besondere Unterstützung erhielt es durch Herrn Michel Cullin, dem ehemaligen Leiter des Französischen Instituts in Wien, derzeit Professor an der Diplomatischen Akademie in Wien und der Universität in Nizza.

Mag. Adriana Kolar

 

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