Die Ringstrasse: Bühne der Macht-Ort der Gewalt

Das Ringstraßenareal konstituiert aus Raumgestaltung, Bauwerken, deren Architektur und Nutzung sowie Denkmälern und Strassennamen einen symbolischen Repräsentationsraum, der als Bühne für politische Inszenierungen (dazu werden in diesem Symbolfeld auch kulturelle und sportliche Veranstaltungen) zur demonstration der Machtverhältnisse in der Gesellschaft dient und daher auch ein Ort ritueller und spontaner Gewalt ist.
"Es gehört zum Wesen der Gewalt, sichtbar zu sein; Macht hingegen ist im Prinzip unsichtbar und muß vermittels symbolischer Repräsentation sichtbar gemacht werden" (Münkler 1995).

Das Ringstrassenareal ist als bevorzugter Ort der symbolischen Repräsentation von Macht gleichzeitig auch bevorzugter Ort politischer Gewalt. Einerseits Schauplatz ritualisierter Formen der Gewalt (Parade, Umzug, Prozession, Aufmarsch, Demonstration) die gleichzeitig auch symbolisch Macht repräsentieren, andererseits Schauplatz unmittelbarer Gewaltausbrüche wie den Teuerungsunruhen 1911, den Krawallen bei der Universität nach 1918, der Justizpalastbrant 1927, der "Kommunistenputsch" 1950 und die Opernballdemonstrationen.

"Die Sichtbarmachung von Macht ist infolge der Uneindeutigkeit dessen, was sichtbar wird, immer auch ein Kampf um die Macht selbst, bei dem zwei oder mehrere Parteien in entgegengesetzter Absicht dasselbe versuchen: Macht sichtbar werden zu lassen bzw. sichtbar zu machen . Stets ist die Sichtbarmachung von Macht deswegen eingelassen in einem Konflikt um Symbole und ihre angemessene Deutung." (Münkler 1995)

Im Bereich des Ringstrassenareales sind es in der Gründerzeit im Besonderen zwei politische Leitgruppierungen oder Lager die versuchen durch die Mittel symbolischer Repräsentation, Bauwerke und Denkmäler, ihrem Machtanspruch sichtbaren Ausdruck zu geben und ihre Herrschaft zu legitimieren: Das Kaiserhaus und das neue Bürgertum. Nicht mehr Kirchen und Heiligenstatuen sondern Theater, Museen und die Plastiken des modernen Bürgerlichen Genie- und Starkultes repräsentieren die neuen gesellschaftlichen Kräfte.

Nach 1918 wird vor allem das "Rote Wien" im Ringstrassenareal in diesem Sinn aktiv, weniger die anderen Lager (Christlichsoziale und Deutschnationale) und Leitgruppierungen des neuen Kleinstaates, die mehr den ländlichen Raum und die alpine Landschaft machtsymbolisch besetzen. Aber die neoabsolutistische und großbürgerliche Herrschaftsarchtiktur an der Ringstrasse hat sich in der Folge gerade auch für die totalitären Regiem des 20.Jh. als ideale Kulisse für politischen Inszenierungen erwiesen. Mit dem Staatsvertrag wird das Areal zur Bühne republianischer Selbstdarstellung und ab den späten 80iger Jahren kommen die Inszenierungen der postmodernen Pop- und Eventkultur hinzu, die eher unbekümmert und scheinbar unreflektiert die imperiale Architektur und Aura der Ringstrasse als Kulisse nutzt.

Im Ringstrassenareal hat der Konflikt um die Symbole der Macht und deren Deutung von bestimmten politischen und sozialen Gruppierungen bevorzugte Repräsentationsräume, also Felder symbolischer Repräsentation, entstehen lassen. Bauwerke mit ihrer besonderen Funktion werden zur bevorzugten Kulisse dieser Milieues und politischen Lager. So entsteht ein sozialtopographisches Muster in der Stadtlandschaft. In Bezug auf das Ringstraßenareal stehen drei unterscheidbare Räume im Vordergrund:


Repräsentationsräume

Das Areal um den Rathauspark („Bürgerforum“)
Der Raum zwischen Hofburg und Hofstallungen („Kaiserforum“).
Der Bereich zwischen Oper und Kursalon (Corso-Areal)



Die im Ringstraßenareal prägend gewordenen sozialen Gruppierungen und Organisationen bringen ihren Status und ihre Ideologie vor allem durch drei Mittel der Selbstdarstellung im Stadtbild zum Ausdruck:

Repräsentationsformen

Repräsentationsgebäude
Repräsentationsplastiken
Repräsentationshandlungen


Sozialtopographie der Gründerzeit:

Soziale Gruppierungen bzw. Schichten oder Milieus in Wien unterscheiden sich in dieser Übergangsphase von vormoderner zur moderner Gesellschaft vor allem durch Geburt, Besitz und Beruf, wobei die geburtständischen Kriterien zu Gunsten der Kategorie Besitz deutlich an Bedeutung verliert. Allerdings lassen sich diese Gruppierungen nicht scharf voneinander abgrenzen, zumal wenn man sich der dramatischen Veränderungen Wiens im 19. Jahrhundert vor Augen führt, Wien wächst von 200000 Einwohner um 1800 auf 1,6 Millionen bis um 1900. So sind es vor allem sechs soziale Gruppierungen, die für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts und damit für das Ringstrassenareal in seiner Gestaltung und Nutzung prägend waren und wurden:
1) Kaiser bzw. die Dynastie (Habsburg-Lothringen), 2) Hof- bzw. Hochadel, 3) Großbürgertum (Finanzadel), 4) Bildungsbürgertum, 5) Gewerbe- und Kleinbürgertum, 6) Arbeiterschaft



Exkursionsdidaktische Unterlagen für das Ringstraßenareal



Methodische Richtlinien

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