Materialien aus den Übungsphasenberichten zum Lehramtsstudium Geschichte und Sozialkunde

zusammengestellt von Brigitte Bünker und Barbara Dmytrasz

(ab WS 1999/2000)

Petra LACKNER

Familienstruktur und Stellung der Frauen im Alten China und im traditionellen Japan

1. Darstellung, Analyse und Reflexion der selbst gehaltenen Stunden

1.1. Analyse der Bedingungen und Strukturen des Unterrichts

1.1.1 Analyse der Unterrichtssituation

Fünfte Klasse eines BRG. Das Unterrichtsvorhaben ist für zwei Unterrichtsstunden zu je fünfzig Minuten konzipiert. Die Stunden werden gehalten in d einer dritten und vierten Schulstunde. Die SchülerInnenanzahl beträgt 20. Die Klasse zeichnet sich besonders aus durch das positive Klima, welches von Toleranz getragen wird. Es besteht eine hohe Bereitschaft, sich kritisch-diskursiv und kreativ mit historischen, gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Problemen auseinanderzusetzen. Die SchülerInnen besitzen ein erstaunlich hohes Abstraktionsniveau. Dies macht es möglich, komplexe Sachverhalte und Zusammenhänge im Gespräch zu erläutern. Die SchülerInnen sind geübt im eigenständigen Arbeiten, sowohl in Gruppen, als auch in Einzelarbeit. Die SchülerInnen sind offen für Neues und scheuen sich nicht Fragen zu stellen, was auch von den MitschülerInnen durchaus akzeptiert wird. Nicht zuletzt sind dies wohl die Ergebnisse des Eingebettet-Seins der Klasse in ein kooperatives LehrerInnenteam.

1.1.2. Analyse des Unterrichtsgegenstandes (Sachanalyse)

A) Zur Situation von Frauen in Ehe und Familie im Alten China

1. Der Konfuzianismus als ideologische Basis der chinesischen Familie

Zunächst eine einführende Skizzierung des Wesens und der historischen Entwicklung dieser Philosophie. Angesichts der Auflösung der zentralen religiös fundierten Staats- und Sippenordnung und größerer Unabhängigkeit der Lehensfürsten dem Königshaus der Zhou gegenüber entwickelte Konfuzius (551-479 v.Chr.) die Theorie einer Idealgesellschaft. Konfuzius sah die Rettung in der Rückkehr zu den Idealen der Vergangenheit, zum "Goldenen Zeitalter". In dieser Idealgesellschaft sollte "Menschlichkeit" als oberste Tugend das Zusammenleben der Menschen kennzeichnen. Es kam zur Unterscheidung der "Edlen" vom "gemeinen Volk", zwischen welchen ein sozialer Gegensatz bestehe. "Menschlichkeit" ist eher ein abstraktes Ideal, "Gehorsam" ist eine konkrete Tugend, ein Imperativ beim Verhalten der Jugend gegenüber den Eltern, die Nichtbeachtung ist eine tödliche "Sünde". Für den Konfuzianismus war eine Gesellschaft funktionsfähig, wenn sie stabil auf den "Fünf universellen Verpflichtungen" beruhte. "Die fünf universellen Verpflichtungen sind die des

1. Ministers zum Herrscher

2. des Sohnes zum Vater

3. der Gattin zum Gatten

4. des jüngeren Bruders zum älteren

5. des Freundes zum Freund."

Konfuzius’ Einfluss auf die Politik im zersplitterten China seiner Zeit war recht gering - ganz im Gegensatz zu seinen später schriftlich niedergelegten Lehren, die im geeinten Reich seit der Han-Dynastie bis in die Gegenwart die alles bestimmende Ideologie, das "moralische Gesetzbuch" der oberen chinesischen Gesellschaft darstellten. Das philosophische System des Konfuzius besteht aus Gesellschaftsordnung und Morallehre. Konfuzius war kein Religionsstifter, er empfahl vielmehr, dem Himmel und den Geistern die notwendige Ehrfurcht entgegenzubringen, sich aber ansonsten von ihnen fernzuhalten. Ausgehend von den drei Grundprinzipien:

1. Erziehbarkeit aller Menschen

2. Ungleichheit der Menschen in ihrem gesellschaftlichen Rang

3. Notwendigkeit des Verzichts auf individuelle Freiheit

wollte Konfuzius zu einem friedlichen Zusammenleben von Menschen und Staaten kommen.

Das Ideal einer nach derartigen Prinzipien strukturierten Gesellschaft kann aber leicht ins Gegenteil pervertieren, wenn die hierarchischen Beziehungen nicht von "Wohlverhalten" und "Menschlichkeit", sondern von Missbrauch der Macht des Stärkeren kraft abgeleiteten philosophisch begründeten Rechtsanspruches fehlgeleitet wird. Hier muss betont werden, dass die Weiterentwicklung der eigentlichen Lehre des Konfuzius zu einer Ende des 19. Jahrhunderts hohlen, gegen die Interessen weiter Teile der Bevölkerung gerichteten Orthodoxie dem "Idealisten", der zweieinhalb Jahrtausende früher gelebt hatte, nicht angelastet werden kann, wenngleich die These von der gesellschaftlichen Polarität von "Edlen" und "Gemeinen" (später von "Herrschenden" und "Beherrschten") im Gegensatz zu anderen philosophischen Richtungen zur Zeit des Konfuzius bereits zum Kern der Lehre zählte. Zur historischen Entwicklung des Konfuzianismus sei noch angemerkt, dass mit der Kanonisierung der Konfuzius zugeschriebenen Texte, den "Klassikern", und mit der Erhebung des Konfuzianismus zur Staatsdoktrin und "Ziviltheologie" (zu einer Staatsreligion ohne Gott), zur Zeit der Han Dynastie (206 v.Chr. - 220 n. Chr.) ein philosophisches Modell zu einer Art Staatsform wurde, die sich durch die Jahrtausende perpetuieren sollte, indem sich ihre Träger, die "Beamtenschaft", (welche einer Erbaristokratie die Machtbasis entziehen sollte) aus jenen Kandidaten rekrutierten, welche die Staatsprüfungen absolvierten, deren ausschließlicher Inhalt die konfuzianische Doktrin war.

In Auseinandersetzung mit religiösen Denksystemen wie dem Buddhismus erhielt der anfangs rein diesseitsbezogene Konfuzianismus eine metaphysische Komponente. Dieser "Neokonfuzianismus" (12. Jahrhundert) war es, der über den Weg der Spekulation zur dogmatischen Erstarrung und einer letztlich gegen "Menschlichkeit" (nach unserem Verständnis) gerichteten Konvention und damit auch zur Unterdrückung des Einzelnen im Allgemeinen und der Frau im Besonderen führte. Unter Bedachtnahme dieses historischen Wandels, den die Lehre des Konfuzius durchgemacht hat, wird nun im Folgenden von der "konfuzianischen Idealfamilie" ausgegangen.

2. Familienformen und Clan

Die "ideale Familie" bestand aus fünf Generationen, die unter einem Oberhaupt zusammenlebten. Hierbei handelt es sich aber eher um ein theoretisches Modell denn um die chinesische Durchschnittswirklichkeit. Die kleinste Familie setzte sich aus dem Ehepaar und dessen (auch adoptierten) Kindern zusammen. Während die Töchter meist durch Wegheirat die elterliche Familie verließen, führte ein Verbleiben der Söhne nach deren Eheschließung im Elternhaus bereits zu zahlenmäßigem Zuwachs und einer Drei-Generationen-Familie. Je nach Fruchtbarkeit der Nachkommen und deren Verbleiben im elterlichen Verband näherte sich diese "erweiterte Familie" dem Ideal. Es war primär eine Frage der materiellen Umstände, welche Größe sich eine Familie "leisten" konnte. War die Familie arm, sah sie sich genötigt, sich der unerwünschten Tochter zu entledigen, im Normalfall möglichst schnell zu verheiraten, im Extremfall einem grausamen Schicksal zu überlassen, oder einen Verwandten als Sohn zu adoptieren, ja sogar einen Schwiegersohn zu adoptieren, d.h. dieser musste den Namen seiner Gattin annehmen, falls die größte Hoffnung der Familie nicht in Erfüllung ging, nämlich einen eigenen Sohn heiratsfähig großzuziehen.

Reiche Familien (nicht nur Aristokraten, sondern auch reichere Bauern) kamen hingegen dem Ideal der Großfamilie näher, besonders im (reicheren) Südchina. Dort finden sich (kultisch durch Ahnenverehrung und Feste zusammengehaltene) "Einclandörfer" unter einem "Clanvorsteher", deren Arbeits- und Konsumeinheiten aber die Kleinfamilie war.

"Natürliche Familien", die sich auf einen gemeinsamen Ahnen zurückführen konnten, was im selben Familiennamen zum Ausdruck kam, bildeten als "Clan" eine eigene Subgesellschaft im Staate. Endogene Heiraten (also mit Personen aus demselben Clan, selbst, wenn keine tatsächliche Verwandtschaft mehr nachweisbar war) waren unstatthaft. Sippenbewusstsein und Zusammengehörigkeitsgefühl hatten sowohl eine lokale und kultische Basis (jeder Clan besaß an einem bestimmten Ort seinen Ahnentempel) als auch eine quasi-juridische. Eigene Sippencodices berechtigten die Sippenältesten, über "generationsmäßig Untergebene", die das Ansehen des Clans schädigten, Sanktionen (bis zur Folter und Nötigung zum Selbstmord) zu verhängen. Der Clan bot Schutz für den Angehörigen, reiche Sippen richteten sogar Schulen und dergleichen für ihre Mitglieder ein. Es steigerte den Einfluss der gesamten Sippe, wenn ein Angehöriger die Staatsprüfung bestand - wozu ein langwieriges und somit kostenreiches (Privat-)Studium notwendig war - und sich als Beamter für seinen Clan verwenden konnte. Somit billigte der Staat dem Clan einen eigenen Status von Gewohnheitsrecht zu, der nicht nur als "legislative", "exekutive" und "juridische" Subgewalt (die Sippenältesten exekutierten den Clancodex), sondern auch als moralische Instanz in der Gesamtgesellschaft einen Freiraum innehatte, der einerseits den Behörden gewisse Aufgaben abnahm, andererseits aber durch Nepotismus (= Vetternwirtschaft) den Staat bedrohte. So reifte der Einzelne im Familienverband zum "gehorsamen" Kind über den zwangsverheirateten jungen Menschen zum sendungsbewussten "Alten", dessen Streben nach Nachkommenschaft der Pflicht gegenüber den Ahnen gerecht zu werden hatte.

Zwar sorgte der Clanverband auch für die wirtschaftlich und sozial Schwächeren, aber die verarmte Landbevölkerung ohne Grund und Boden und ohne Clanrückhalt musste ihre Arbeitskraft anderen verkaufen. Ihre wirtschaftliche Notlage verhinderte, dass sie eigene Familien gründen konnten, so dass soziales Außenseitertum die Folge war. Nicht selten rekrutierten sich so in der chinesischen Geschichte Banden, die sogar zu staatsgefährdenden Aufständen führen konnten.

Zusammenfassend läßt sich sagen, dass ein Clan zwar durchaus Angehörige verschiedener sozialer Schichten umfassen konnte, die Sippe aber nicht willens oder in der Lage war, innerhalb des Clans für sozialen Ausgleich zu sorgen. Bestimmte konfuzianische Denkkategorien (Moralvorstellungen) konnten wohl aber auch bei der "breiten Masse" der Bevölkerung nicht spurlos vorübergehen. Galt es den "Aristokraten", ihren "stolzen" Namen vor Erlöschen und ihren Ahnentempel als Ort der Sippenidentifikation vor Verfall und Zerstörung zu sichern, so mögen sich die Bauern vielleicht begnügt haben, ihre "Scholle", die am Lande meist auch zur letzten Ruhestätte wurde, in den Händen ihrer Kinder zu wissen. So mag letztlich weniger die Konvention als vielmehr die Überwindung des Todesgedankens treibende Kraft dafür sein, dass sich der Einzelne jener Verantwortung unterziehen muss, die ihm als gerade lebendes Glied der Clankette zukommt. Individuum bedutet in der Familie des Alten China bloß momentanes Menschsein in einer Kette, die verstorbene Vorfahren und künftige Generationen umfasst, bedeutet, das "ewige Leben" des Clans im Diesseits zu gewährleisten.

Bigamie und Polygamie

Dem Mann stand es frei, unter Einhaltung gewisser "Sitten" Konkubinen im Hause und neben seiner Hauptfrau zu beherbergen. Die Stellung einer Konkubine war niedriger als die einer Gattin. Die Konkubine war der Gattin zu Diensten und Gehorsam verpflichtet. Auch die Kinder einer Konkubine genossen nicht dieselben Rechte wie die der Hauptfrau. Die Anzahl der erlaubten Konkubinen richtete sich nach der gesellschaftlichen Stellung des Mannes. Aber auch die finanzielle Situation des Betroffenen war sehr entscheidend, ob er sich einen Konkubine leisten konnte.

Kinder

Da ein Sohn in materieller wie in kultischer Hinicht (Ahnenverehrung, Tradierung des Familiennamens) essentiell für eine Familie war, eine Tochter aber kaum eine äquivalente Funktionalität aufzuweisen hatte, trachtete jede Familie, zumindest einen Sohn zu haben, wenn notwendig, zu adoptieren. In Familien in ärmlichen Lebensumständen war zwangsläufig die Mortalitätsrate höher, sei es durch Kindersterblichkeit, sei es durch spätere Unterernährung, körperliche Überarbeitung oder Mangel an medizinischer Versorgung. Dazu konnte die Armut Eltern veranlassen, sich ihrer Kinder zu entledigen (Verkauf, Infanticid), oder zumindest konnte der Mangel an materieller Basis eine Eheschließung des Sohnes unmöglich oder erst sehr spät möglich werden lassen. Eine Braut war "zu teuer". An sich erfolgte die Erbteilung zu gleichen Teilen unter allen Söhnen, also ohne Bevorzugung des Erstgeborenen. Da ein zu kleines Landstück durch Teilung aber unbewirtschaftbar geworden wäre, war eine Familiengründung der jüngeren Söhne nicht möglich, und der Boden wurde doch dem ältesten (dem als einzigen eine eigene Familie zugebilligt wurde) vererbt. Armut hielt also die Anzahl an Familienmitgliedern niedrig, da der älteste Sohn erst spät heiratete (so dass die jüngeren noch später oder überhaupt nicht zum Zuge kamen), wodurch das gemeinsame Zusammenleben dreier Generationen zeitmäßig minimiert wurde und überhaupt die Zeit der Fruchtbarkeit eingeschränkt war.

Die Hierarchie innerhalb der Familie

Dem ethischen Postulat der "Fünf Beziehungen" zufolge ergibt sich ein hierarchisches Modell, das den "Rang" jedes Familienmitgliedes objektivierbar erscheinen läßt. Die höheren Generationen (z.B. Großvater vor Vater) steht über der niedrigeren, das höhere Lebensalter über dem jüngeren, das männliche Geschlecht über dem weiblichen. Auch die verstorbenen Ahnen sind in diesem hierarchischen Modell miteinbezogen.Aufgrund der komplexen Familienstruktur und der hierarchischen Verhältnisse ergibt sich ein vielfältiges Konfliktpotential.

3. Ehe

Partnerwahl und Hochzeit

Die Verlobung erfolgte über die Köpfe der Betroffenen hinweg, ja sogar unter Geheimhaltung und Täuschung. Dies zeigt, wie sehr die konfuzianische Familie des vormodernen China von Utilitarismus geprägt war und wie dem letzten Sinn von "Familie", der Tradierung des Familiennamens, der vom Vater auf den Sohn in nicht enden sollender Wiederkehr übergehen muss, mit nicht in Frage gestellter Selbstverständlichkeit das Wohl und die Interessen des Individuums geopfert werden. Wie sehr bei der Heirat die "Form" (der Formalismus), der Ritus, die "guten Sitten" im Vordergrund standen, zeigt sich in den traditionellen chinesischen Heiratssitten. Man unterscheidet fünf Stufen der Ehenanbahnung:

  1. Bei Einverständnis der Eltern des Mädchens durch Annahme des Geschenkes werden Name und Geburtsdaten bekanntgegeben.
  2. Horoskopähnliche Befragung, ob das potentielle Paar zusammenpassen würde, indem je zwei Schriftzeichen für Stunde, Tag, Monat und Jahr der Geburt des Mädchens sowie des Burschen auf rotes Papier geschrieben und vor die Ahnentafeln gelegt werden. Treten drei Tage hindurch keine "außerordentlichen Ereignisse" ein, erweist sich die Verbindung als "verheißungsvoll", andernfalls wird das Heiratsangebot zurückgezogen.
  3. Die Vermittlerin überbringt der Familie des Mädchens die vorher ausgemachte Heiratssumme, wodurch die Braut in das "Eigentum" der Familie ihres zukünftigen Gatten übergeht
  4. Fixierung des Hochzeitstermins de facto durch die Eltern des Bräutigams.
  5. Empfang der Braut durch den Bräutigam in dessen Wohnung.
Rolle der Frau

Die ungeschriebenen Sitten und gesellschaftlichen Normen verlangten von der Frau, dass sie sich gänzlich in den Dienst der Sippe, also nicht nur des Gatten, zu stellen hatte. Dies führte im Neokonfuzianismus zu einer Unterdrückung, die sich nicht zuletzt im Binden der Füße manifestierte (was die Bewegungsfreiheit weitgehend einschränkte und die Frau zum "Menschen drinnen" machte). Der Frau oblag die Pflicht, die Nachkommenschaft der Sippe des Mannes zu gewährleisten, wobei man der Geburt eines Sohnes größte Aufmerksamkeit schenkte. Das Mädchen ging bei der Verehelichung nahtlos von der Kontrolle des Vaters in jene des Gatten über, starb dieser, hatte sich die Witwe ihrem eigenen Sohn zu fügen. Somit bedeutete Ehe für die Frau gänzliche Entwurzelung aus ihrem Elternhaus und Ausgeliefertsein an einen anderen Clan. Neben dem "dreifachen Gehorsam" (gegenüber Vater, Gatten und Sohn) verlangte man noch die "vier Tugenden" der Bewahrung der Weiblichkeit, des sanften und gefälligen Auftretens, der gepflegten Sprache und der gewissenhaften Verfolgung häuslicher Pflichten.

4. Zusammenbruch der konfuzianischen Familienstruktur

Zusammen mit der tiefgreifenden Infragestellung des gesamten chinesischen Sozialsystems im Zuge der "Bewegung des 4. Mai" 1919 besonders durch junge Intellektuelle, die sich stark an ausländischen Gesellschaftsstrukturen orientierten, erlangte die "Familienrevolution" ihren ersten Höhepunkt, ein Auflehnen der Jugend gegen die übermächtige und fortschrittshindernde Autorität des Familienoberhauptes, dem man nur aufgezwungenen "Respekt", aber keine echte Liebe entgegenbringen konnte. Dazu kam die Auflehnung der Jugend gegen die Zwangsheiraten. Aber erst mit dem neuen Ehegesetz der Volksrepublik China vom 1.4.1959 wurde auch legistisch dem Zeitgeist Rechnung getragen und die Kleinfamilie mit freier Partnerwahl gesetzlich verankert. Dessen ungeachtet ist das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der chinesischen Familie und Sippe heute weitgehend ungebrochen, zählt man stolz eine große Verwandtschaft (die sich noch in die Hunderte erstrecken kann), und werden Ehen bewusst von Verwandten (oder auch Arbeitskollegen) angebahnt.
 
 
 
 

B) Zur Situation von Frauen in Ehe und Familie im traditionellen Japan

1. Die Entwicklung der japanischen Gesellschaft

Die japanische Gesellschaft der Frühzeit

Mit dem Beginn des Reisanbaus etwa 300 v.Chr. wurden die Jäger-, Sammler- und Fischerkulturen langsam vom Ackerbau abgelöst. Die ersten politischen Gebilde entstanden, lokale Herrscher mit eingeschränktem regionalem Einflussgebiet konnten sich etablieren. Im Alten Japan haben wir es mit einer Sippengesellschaft zu tun, also mit Sippen und Clans von lokalpolitischer Bedeutung. Ab dem dritten nachchristlichen Jahrhundert konnte eine lokale Herrscherfamilie ihren Einflussbereich ausdehnen und eine hegemoniale Stellung einnehmen, der Yamato-Clan. Von den übrigen Adelsführern wurde das Oberhaupt dieses Clans als einziger Souverän, später Tenno genannt, anerkannt. Die Hegemonie des Yamato-Clans, sowie die Institutionalisierung des Kaiseramtes trug einen starken religiösen Charakter. Damit war die Institution des Kaiserhauses vom politischen Tagesgeschehen deutlich abgegrenzt, geradezu überhöht, was dazu beitrug, dass diese Institution quasi als unantastbar galt und demnach in ununterbrochener Linie bis zur Gegenwart überdauern konnte. Die politische Führerschaft war von einer geistlichen Macht gespeist, die sich von einer himmlischen Gottheit ableitete. Der Herrschaftsanspruch wird also auf einer metaphysischen, transzendenten Ebene legitimiert.

Für die breite Masse des ackerbauenden Volkes war, abgesehen von jenen kleineren Gottheiten, die in allen Erscheinungsformen dieser Welt Sitz nehmen konnten (Bäumen, Wässern, Bergen usw.) gewissermaßen die Gottheit der über sie gesetzten Adelssippe zuständig. Diese gewährte lokalen Schutz. Darüber war wie ein Schirm gestülpt die Gottheit des Kaiserhauses, die sich des gesamten Landes anzunehmen hatte. In dieser für Japan typischen agrarischen Gesellschaft und dem hier gepflegten auf die Natur bezogenen Shinto-Kult kam der Stellung der Frau eine nicht geringe Bedeutung zu. Dies ist wohl erklärbar aus dem Fruchtbarkeitskult der Menschen, die von den Naturgewalten abhängig sind und Hilfe von oben benötigen für das Wachsen und Gedeihen. Nicht zuletzt wird auch die oberste Gottheit in diesem Kult, Amaterasu, die Sonnengöttin, als weiblich gedacht.

Veränderungen seit dem 7./8. Jahrhundert

Von zentraler Bedeutung ist die Taika-Reform (645), die große soziale und politische Umwälzungen mit sich brachte. Ein neues Rechtssystem wurde eingeführt, das sich die Gesetzgebung Chinas zum Vorbild nahm. Die Faszination eines mächtigen China, das unter der Tang-Dynastie eine politische und kulturelle Hochblüte erlebte, sorgte auf der anderen Seite des Meeres für die Verordnung eines neuen gesellschaftlichen Korsetts. Wesentlich ist in diesem Zusammenhang die Schaffung eines besonderen Familiensystems, das eindeutig auf patriarchalischer Autorität beruhte, was in der Folge zu einer prononcierten Unterordnung der Frau in der japanischen Gesellschaft führen sollte. Zunächst stimmen Gesetze und gesellschaftliches Verhalten jedoch nicht überein. Die von oben erlassenen Gesetze wurden vom Volk nur sehr zögerlich angenommen. Das oktroyierte, an China orientierte System begann, mit vorhandenen eigenständigen Formen eine Symbiose einzugehen, was eigentlich noch ziemlich lange der japanischen Frau eine nicht zu übersehende gesellschaftliche Stellung einräumte.

Die typische patriarchalische Familie wird immer mehr die Norm ab dem 14. Jahrhundert. Die Sicherung einer patriarchalischen Autorität und die sukzessive Unterordnung der Frau beginnt in den oberen Schichten der japanischen Gesellschaft und dringt langsam in die Kreise des breiten Volkes ein. Dies hängt zusammen mit einer langsamen gesellschaftlichen Umschichtung, in der die Macht des ehemals einflussreichen kaiserlichen Beamtenstaates von einer neu entstandenen Kriegerschichte (Samurai) übernommen wurde. Politisch gesehen trat an die Stelle des Zentralismus ein Partikularismus. Immmer mehr war es das Schwert, das Japan regierte. In einer mehr und mehr militant werdenden Gesellschaft waren es dann auch die "männlichen" Tugenden, die eine Bevorzugung erfuhren. Das Familienoberhaupt einer Kriegerfamilie übte über die gesamte Familie unumschränkte Macht aus. Frauen erfuhren eine Statusminderung. Sie hatten nun jeglichen Anteil am öffentlichen Leben verloren, und darüber hinaus verloren sie das Recht, Eigentum zu besitzen oder zu erwerben. Ebenso wurde ihnen das Recht auf Erbschaft genommen, weil Frauen vom Augenblick ihrer Heirat an nicht mehr als zum Haus ihrer Kindheit gehörend betrachtet wurde. Mitgift gedoch hatten sie mitzubringen, je höher in der sozialen Skala, desto mehr davon. Das verlangte das Prestige.

Die Enterbung der Frauen ging Hand in Hand mit dem Trend zum Einerbe, so dass die jüngeren Brüder dem ältesten gegenüber auch als benachteiligt betrachtet werden können. Der graduelle Unterschied ergab sich aber nun durch die konfuzianistische Staatslehre, die apodiktisch von der Frau die völlige Unterwerfung verlangte: als unverheiratetes Mädchen ihrem Vater gegenüber, als verheiratete Frau ihrem Gatten, als Witwe ihrem ältesten Sohn.

Die Gesellschaft der Edo-Zeit (1600-1867)

Nach mehreren Jahrzehnten der politischen Instabilität und zahlreicher Kriege gelang Tokugawa Ieyasu in der Schlacht von Sekigahara (1600) ein entscheidender Sieg, der eine mehr als 250jährige Friedensphase einleiten sollte. Tokugawa Ieyasu wurde vom Kaiser zum Shogun (= oberster militärischer Befehlshaber) ernannt und sein Geschlecht übernahm nun für die folgenden mehr als 250 Jahre die Herrschaft in Japan, weshalb man die Edo-Zeit auch als Tokugawa-Zeit bezeichnet. Edo (damaliger Name für Tokio) bleibt bis 1867 die Residenz der Tokugawa-Shogune. Die Militärregierung des neuen Shogun, welche die Institution des Kaiserhauses auf eine symbolisch-sakrale Stellung beschränkte, sorgte durch genaue Vorschriften und Gesetze für ein politisches und gesellschaftliches Korsett.

Dazu gehörte unter anderem die rigorose Klassifizierung der Bevölkerung in bestimmte Stände. Waren die Grenzen von sozial oben und sozial unten an ihren Berührungspunkten bisher teilweise fließend gewesen, wurde der Wechsel von einem Stand in den anderen jetzt verboten und unmöglich gemacht. Nur Krieger durften als Privileg Schwerter tragen. Alle anderen hatten die Schwerter den Behörden abzuliefern. Die Bevölkerung wurde in vier Schichten aufgeteilt. An oberster Stelle rangierten die (1.) Krieger, gefolgt von den (2.) Bauern und den (3.) Handwerkern. Die unterste Sprosse der sozialen Leiter besetzten die (4.) Kaufleute und Handelstreibenden.

Die hohe Stellung der Bauern - zum Unterschied von Europa - beruhte auf ihrer Bedeutung als Produzent von Reis, der mehr war als ein Grundnahrungsmittel. Die mindere Stellung der Kaufmannschaft - ganz zum Unterschied von China oder auch Europa, wo der Handel eine wesentliche Stütze eines selbstbewussten städtischen Bürgertums war - fußte auf der abschätzigen Einstellung zu Geld.

Die Krieger waren auf dem Höhepunkt ihrer Macht angelangt. Obwohl nicht ohne Widersprüchlichkeit. Denn nach der Machtübernahme durch die Tokugawa-Familie kehrte Frieden ins Land, der dem Handelsstand zu Nutzen wurde und die Krieger ihrer eigentlichen Bestimmung beraubte. Von Rechts wegen aber wurde ihre Position ohne Skrupel bis ins 19. Jahrhundert durch den Staat als unumstößlich festgemauert. Somit hatte sich auch die patriarchalische Autorität in der Familie des Samurai und in der Folge die patriarchalische Kontrolle dörflicher Haushalte für Japan fest durchgesetzt.

Die Familie im bäuerlichen Bereich ist nicht identisch mit der Familie der Krieger, die weniger als 10% der Gesamtbevölkerung ausmachten. Durch die gemeinsame Arbeit in der landwirtschaftlichen Produktion ergab sich automatisch eine relativ mächtige Position der Frau innerhalb der bäuerlichen Familie. Dennoch ist die Struktur der Kriegergesellschaft typisch. Zunächst war ihre politische Vormacht und Elitestellung mit einer weit in alle anderen Gesellschaftsschichten hineinwirkenden Vorbildfunktion verbunden. In weiterer Folge waren es gerade die Bauern, die nach der sogenannten Meiji-Restauration von 1868 das geistige Erbe der Samurai übernahmen, vor allem was die Familienstruktur betrifft, das heißt das Erbrecht, die Stellung der Männer im Familienverband und die Be- oder Misshandlung der Frauen.

2. Familie und Familienverband

Die Bezeichnung für Familie - ie - bedeutet ursprünglich "Haus" und umfasst alle Mitglieder, die sich durch die Idee einer Familiengenealogie untereinander verbunden fühlen. Die Verehrung der Ahnen gehört in diesem Zusammenhang zu den wichtigsten Verpflichtungen und Aufgaben einer Familie. Der jeweilige Hausherr ist der Repräsentant der Ahnen und der Mittelpunkt der Familie. Der Begriff "Familie" beschränkt sich aber nicht nur auf die Zahl aller lebenden Familienmitglieder, er bezieht auch alle mit ein, die in der Vergangenheit gelebt haben und in der Zukunft geboren werden. Zur Nachfolge in der Stellung des Haushaltsvorstandes ist der älteste, ehelich geborene Sohn bestimmt. Mit der Übernahme des rechtmäßigen Erbes war auch der Empfang der Ahnentafeln vom Hausaltar und die Betreuung der Grabstellen der Familie verbunden. Dem Hausherrn oblag die Sorgepflicht für die Familie. Er war moralisches Vorbild und übernahm allen Untergebenen in seinem Hause, auch dem Gesinde gegenüber, die Pflichten einer sozialen Elternschaft. Ab einem bestimmten Alter löste diese soziale Elternschaft einen Diener aus dessen natürlicher Eltern-Kind-Beziehung und integrierte ihn in einer bestimmten Familie. Gerade in diesem Punkt ergeben sich auffallende Parallelen zur Familienstruktur des vorindustriellen Mitteleuropa, denn hier betrachtete man das Gesinde auch als zur Familie, zum "Haus" gehörend. Der Haushaltsvorstand sorgte für Kontinuität und bezog seine Stärke und Macht aus einer Reihe von Funktionen, die ihn über alle anderen Familienmitglieder stellte: er verwaltete den Familienbesitz, er spielte die zentrale Rolle bei den Riten für die Ahnen, und er kontrollierte und bestimmte über die Familienmitglieder in allen Arbeits-, Wirtschafts-, Erziehungs- und Standesangelegenheiten.

Frauen, die in eine Familie einheiraten, haben unvergleichlich mehr Bedeutung als Töchter oder Schwestern, die als Bräute in andere Familien einheiraten. Brüder, die einen eigenen Haushalt gründen, werden eine "andere" Familie. In diesem Zusammenhang unterscheidet man zwischen "Hauptfamilien" und "Zweigfamilien".

Der Familienverband (dozoku) ist ein nach einer bestimmten Rangfolge gegliederter Zusammenschluss einzelner Familien (ie), die sich alle auf die gleiche Abstammung beziehen. Dabei ist auch hier auffallend, dass das Zugehörigkeitsgefühl zu dieser Gruppe nicht auf Bluts- und Heiratsverbindungen beschränkt ist, sondern als eine von bestimmten Interessen motivierte, freiwillige Assoziierung von Menschen gesehen werden muss.

Verwandtschaft und Adoption

Die Japaner teilen mit den Chinesen nicht das Ideal einer großen Familie. Die nicht erbberechtigten - in der Regel die jüngeren - Söhne verlassen den Haushalt vor oder mit Sicherheit nach ihrer Heirat. Das chinesische Verwandtschaftssystem umfasst alle Individuen jedweder Altersstufe, die untrennbar verbunden sind mit allen Vorfahren und Nachkommen, auch den noch ungeborenen. Dieses Verwandtschaftssystem schließt also die gesamte Verwandtschaft in patrilinearer Linie mit ein, ausgenommen die Töchter die in eine andere Familie einheiraten. Das japanische Verwandtschaftssystem bzw. die enge Verbindung zwischen Nachkommen und Vorfahren beschränkt sich im Wesentlichen auf die Familie des ältesten Sohnes, also die Hauptfamilie. Damit steht die japanische Auffassung in deutlichem Gegensatz zur chinesischen, wo das Prinzip des gleichen Anteils aller Brüder vorherrscht. Vor allem liegt der Unterschied im Recht des Alleinerbes eines einzigen Sohnes, meist des ältesten, der Haus, sonstiges Eigentum und den Ahnenschrein der Familie übernimmt.

Ein weiteres Merkmal analog zu europäischen Verhältnissen ist in Japan die Übergabe der Position des Haushaltsvorstandes vom Vater an den ältesten Sohn. Die ins Alter gekommenen Eltern nehmen eine getrennte Wohnung, gehen ins Ausgedinge.

Verwandtschaft musste in Japan nicht unbedingt Blutsverwandtschaft bedeuten. Nicht die (konfuzianistische) Blutreinheit war ausschlaggebend, sondern das Konzept der Verehrung der gleichen Familienahnen. Jemand, der keinen eigenen Sohn hatte, konnte daher ziemlich frei einen Sohn adoptieren. Die Beziehung zu Adoptivkindern war mit der zu Blutsverwandten identisch. Die Integrität bzw. der Fortbestand einer Familie hatte Vorrang gegenüber Blutsverwandtschaft. Wenn die Interessen von Blutsverwandten mit denen des "Hauses" in Konflikt gerieten, zogen die Verwandten den kürzeren. Ziel des Haupthauses war, soviel Kontrolle über den Familienbesitz zu behalten wie möglich. Eine Anerkennung von nicht blutsverwandten Personen (durch Heirat oder Adoption) als vollwertige Familien- oder Clanmitglieder war in China fast nie und nur in seltenen Ausnahmen der Fall. In Japan war dies gang und gebe. Kontinuität war nicht bloß eine des Blutes, sondern der Gesinnung und symbolisiert in der Weitergabe des Familiennamens und des Familienberufes.

3. Ehe und Kinder

Ein Sprichwort umschreibt die ideale Kinderzahl so: "Eines zum Verkaufen [Mädchen, Anm.], eines für die Nachfolge [Sohn, Anm.] und eines zur Reserve [Sohn, Anm.]." Die Töchter waren für eine Familie am unnötigsten aufgrund der Sicherung des Familienbesitzes ausschließlich im Mannesstamm, fast immer in der Primogenitur, sehr selten in der Ultimogenitur. Ein Mädchen war "Verkaufsgegenstand", dessen soziale Aufgabe darin bestand zu heiraten. Und wenn die junge Frau geheiratet hatte, wurde sie nicht mehr länger als zum Hause ihrer Geburt gehörend betrachtet. Selbst die Bauernfamilien waren hier dem Trend der Krieger gefolgt. Dies bedeutete den Verlust von jeglichen Rechten und Ansprüchen auf Erbe für die Frau.

Die Heirat war in den wenigsten Fällen eine Herzenssache. Nicht der Wille der Partner war ausschlaggebend, sondern die Entscheidung der Familie, meist kollektiv gefällt. Die Heirat für den Sohn wurde nicht für ihn als Individuum arrangiert, sondern im Hinblick auf die Familie. Zuneigung zwischen Mann und Frau war von zweitrangiger Bedeutung. Allen voran ging die Harmonie der Familie, in dessen Zentrum das Verhältnis von Eltern und Kindern stand.

Polygamie gab es in Japan nicht. Da waren Freudenviertel schon typischer.

Stellung der Frau

Kernpunkt des aus China geborgten Systems des (Neo)Konfuzianismus war die Kinderliebe, die ein Spektrum aufwies von kindlicher Pietät bis zur völligen Unterwerfung. Der chinesische Klassiker der Kindesliebe - das Hohe Lied der Fürsorge für die Eltern - wurde Teil des japanischen Bildungsgutes, ebenso die fünf universellen Verpflichtungen. Letzten Endes standen zwei Dinge im Vordergrund: die unbedingte Treue der Männer ihrem Familienvorgesetzten, (Landes)Herren und zuoberst dem Shogun gegenüber, sowie der vollkommene Gehorsam der Frauen gegenüber den Männern. Frauen blieb also die völlige Unterwerfung. Auf die Wünsche des Vaters folgten die Befehle des Gatten und zuletzt die Interessen des Sohnes. Nahtlos sorgte dafür auch die Schwiegermutter, welche die Schwiegertochter nicht minder gebieterisch in das Rahmenwerk der Familie eingliederte, die den Namen gab. Harmonie in der Familie gab es nur, wenn die Frau sich als Schwiegertochter auf die Hervorbringung von Nachkommen und in der Folge auf die Rolle als Mutter beschränkte. Von Liebe war nie die Rede.

4. Die "moderne" japanische Familie

Ein politischer Umsturz im Jahre 1868 öffnete Japan dem Westen. Frischer Wind wehte zunächst in die japanische Gesellschaft. Denn die anfänglich großzügige Übernahme westlicher Einrichtungen wurde bald wieder zurückgeschraubt. Nicht bei den technischen Errungenschaften, wohl aber im sozialen Bereich. Teilweise aus berechtigter Furcht, mit allzu raschen Reformen Unruhe ins Sozialgefüge zu bringen, teils aus der bewussten Spekulation, bestehende gesellschaftliche Normen nahtlos auch dem neuen, halb demokratischen , halb absolutistischen Regime nutzbar zu machen. Standesunterschiede wurden abgeschafft, den Samurai wurde das Tragen von Schwertern verboten. Dafür machte die eingeführte allgemeine Wehrpflicht die Bauern zu noch loyaleren Bürgern des Staates, als es die Krieger je hätten sein können. Die Samurai-Frauen waren vielleicht die ersten, die anfingen, sich zu emanzipieren. Dafür lieferten jetzt die Bauernmädchen ein ideales Reservoir an (günstigen) Lohnarbeiterinnen in den neuen Industrien, obwohl sie im bäuerlichen Betrieb noch das meiste Selbstbewusstsein besaßen. In der Ideologie hatte es Akzentverschiebungen gegeben, in der Praxis änderte sich wenig. Das alte Familiensystem wurde sogar als offizielles Recht kodifiziert - und funktionierte. Die Hochachtung vor dem Haushaltsvorstand, der Glaube an die genealogische Kontinuität und die Einfügung in die traditionellen Aufgaben innerhalb der Familie fanden in logischer Folge ihre Erhöhung in der Bündelung der Energien des gesamten Volkes auf den nationalen Wiederaufbau. Der bewusste Rückgriff der sonst so aufgeklärten und progressiven Meiji-Regierung (1868-1912) hatte so für eine Verlängerung edo-zeitlicher Vorstellungen gesorgt und damit die patriarchalische Welt der Krieger in schlechthin jedem Haus verankert. Grundlegende und tiefgreifende Veränderungen in der japanischen Gesellschaft sollte erst das Jahr 1945 bringen.

3.1.3. Didaktische Analyse

Zunächst ist es wohl angebracht, einige Worte darüber zu verlieren, warum ich gerade die Familienstruktur und die Stellung der Frauen in China und Japan als Thema meiner Unterrichtsstunden auswählte. Der wesentlichste Punkt ist wohl die Absage an einen Geschichtsunterricht, der eine eurozentristische Geschichtsbetrachtung verstärkt. Die räumliche Fokussierung des Geschichtsunterricht auf Europa oder ausdehnend auf die westlich-kapitalistische Zivilisation halte ich für ein Problem, wenn dies nicht kritisch-distanziert betrieben wird, sondern im Sinne der Stärkung eines Wir-Bewusstseins. Dies bedeutet von vornherein die Ausgrenzung und Abwertung anderer Kulturkreise und trägt nur zur Verstärkung von Vorurteilen und zur Bildung und Tradierung von Klischees bei.

Meine Unterrichtsstunden sollen zur vergleichenden Betrachtung der chinesischen und der japanischen Familienformen, aber darüberhinaus auch zum Vergleich mit vertrauten mitteleuropäischen Familienformen anregen. In erster Linie geht es mir darum, durch den Vergleich Unterschiede und Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten, zwischen China und Japan einerseits, zwischen China, Japan und Mitteleuropa andererseits.

Weiters ist mir das Abbauen von Vorurteilen ein besonderes Anliegen. Gerade was die Länder China und Japan betrifft, sind wir aufgrund von Wissens- und vor allem Verständnisdefiziten mit einer Reihe von Vorurteilen konfrontiert. Ich gehe davon aus, dass Vorurteile abgebaut werden können, sobald man versucht, sich mit der Gesellschaft und Kultur und der Geschichte, also der Genese bzw. dem Geworden-Sein der betreffenden Gesellschaft, auseinanderzusetzen. Also ist es mir wichtig, einen kleinen Beitrag zum besseren Verständnis dieser beiden fernöstlichen Kulturen zu leisten. Bei näherer Betrachtung werden die SchülerInnen feststellen, dass vermeintliche Unterschiede gar nicht so gravierend sind und dass es sogar auffällige Parallelen gibt.

Als die zentralen Lehr- und Lernziele meines Unterrichts möchte ich folgende festhalten:

  1. Die SchülerInnen sollen erkennen, dass es unterschiedliche Arten der Geschichtsbetrachtung gibt. Die von mir gewählte Art der Geschichtsbetrachtung ist die aspektorientierte Längsschnittdarstellung.
  2. Den SchülerInnen soll ein Einblick gewährt werden in die Quellenproblematik, die sich für diese Art der Geschichtsbetrachtung ergibt.
  3. Die SchülerInnen sollen das Wesen und die historische Entwicklung des Konfuzianismus verstehen.
  4. Die SchülerInnen sollen den interpretativen Umgang mit Quellentexten üben.
  5. Die SchülerInnen sollen die Familienstruktur und die Stellung der Frauen in der altchinesischen bzw. altjapanischen Gesellschaft verstehen.
Die SchülerInnen sollen den Zusammenhang von Familienstruktur und politisch-gesellschaftlich-wirtschaftlicher Entwicklung verstehen.

3.1.4. Methodische Analyse

Die beiden zentralen methodischen Säulen meiner Unterrichtsstunden bilden einerseits der Lehrervortrag (L-Vortrag) und andererseits das Lehrer-Schüler-Gespräch (L-S-Gespräch). Ich bin der Meinung, dass ein gut konzipierter, gut gegliederter, problemorientierter, erklärender Lehrervortrag für den Unterricht unabdingbar ist. Die Art des Vortragens, die ich meine, ist nicht die monologisierende, sondern die dialogische, die also auch Fragen, Anmerkungen, Ergänzungen und Gespräche mit den SchülerInnen zulässt, ja diese explizit begrüßt.

Die vortragenden Unterrichtssequenzen werden unterbrochen durch SchülerInnenstillarbeit mit Quellentexten bzw. Arbeitsblättern und die anschließenden Gespräche darüber

Erläuterungen zu den Unterrichtsmaterialien

1. Spickzettel

Die im Anhang kopierten Spickzettel stellen das Konzept meines Vortrages dar.

2. Informationsblatt: Herrschaftsfolgen in China und Japan

Dieses Informationsblatt dient in erster Linie der zeitlichen Orientierung der SchülerInnen, um Namen, Bezeichnungen von Epochen zeitlich zuordnen zu können. Es ist keinesfalls zum Auswendiglernen gedacht.

3. Arbeitsblatt: Die Lehren des Konfuzius

Ich erwarte mir im L-S-Gespräch die Herausarbeitung der zentralen Wesensmerkmale der Lehren des Konfuzius bzw. des Konfuzianismus:

Frauenrolle im Japan des 17. Jahrhunderts

Die Beschäftigung mit diesem Arbeitsblatt ist vor allem dem Ziel verpflichtet, Parallelen zur Situation von bürgerlichen Frauen in Mitteleuropa im 18. und 19. Jahrhundert herzustellen, denn diese sind sehr auffällig.

4. Arbeitsblatt: Wohnhausarchitektur im Alten China

Ergebnisse der Arbeit mit diesem Arbeitsblatt sollen folgende sein:

Die Abbildung des Türen-Paares mit Tiger-Bambus-Darstellung aus der frühen Edo-Zeit und deren Symbolgehalt werde ich erklären. Der Tiger galt als wildes und kühnes Tier. Alte chinesische Schriften überlieferten die Vorstellung, dass der Schrei des Tigers einen Wind entfacht, so mächtig, dass er den Bambus wogen lässt. Daher war es üblich, an den entscheidenden Zugang ein Tigerbild zu setzen, um den Besuchern sofort die Machtvollkommenheit des Hausherrn vorzuführen.

Für den darauffolgenden Dienstag ist ein Lehrausgang mit den Schülerinnen und Schülern geplant, der uns ins Historische Museum der Stadt Wien führen wird zur Ausstellung "Samurai und Bushido". Diese Ausstellung passt thematisch sehr gut zu meinen Erläuterungen der Familien- und Gesellschaftsstruktur im Japan der Edo-Zeit.

2. Literaturverzeichnis

Ehe und Familie in "Alten Hochkulturen". Beiträge zur historischen Sozialkunde 14. Jg. (1984), Heft 4. Darin:

Richard Trappl: China, S. 131-138

Peter Pantzer: Japan, S. 138-147

Frühe Hochkulturen. Geschichte lernen. Geschichtsunterricht heute. 6. Jg.

(1993), Heft 36. Darin:

Thomas Lange: Die Armee des toten Kaisers. Das Grab des Qin Shi Huang Di als Symbol der Herrschaftsordnung in China, S. 46-52

Japan. Geschichte lernen. Geschichtsunterricht heute. 7. Jg. (1994), Heft 38

Der große Ploetz. Auszug aus der Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. Freiburg - Würzburg 311991

Samurai und Bushido. Der Spiegel Japans. Nagoya und die Einheit des Reiches. 1550-1876. Ausstellungskatalog zur 246. Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien. Wien 1999